Was seine Seele schwingen lässt

Kaspar Zimmermann ist seit fast 25 Jahren Oboist im Tonhalle-Orchester Zürich und seit einiger Zeit auch Co-Präsident des Orchestervorstands. Mit zwanzig lag dies noch in weiter Ferne: Beinahe hätte er sich für die Meere anstelle der Bühnen dieser Welt entschieden. Doch er wählte sein Instrument – seither ist kein Wunsch grösser, als immer noch tiefer ins Reich der Musik einzutauchen.

Kaspar Zimmermann

Nein, sagt Kaspar Zimmermann, einfache Zeiten seien das nicht. Winter und Pandemie ziehen sich zäh in die Länge, und doch hat sein Energiepegel gerade einen Schub erfahren: Das Orchester spielt im März mit Paavo Järvi Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonien ein. Eine grossartige Aussicht, die Kaspar findet. «Ich bin mir sicher, dass wir mit Paavo und Mendelssohn einen wunderbaren Weg vor uns haben», sagt er. Mit Mendelssohn könne das Orchester seine Qualitäten zeigen, den warmen Klang, die Transparenz, die Flexibilität. Ohnehin liebt Kaspar das fantasievolle, lebendige Werk des Komponisten, wie er es beschreibt. Schon im Studium hat er sich wegtragen lassen beim Anhören seiner Schallplatte der dritten Sinfonie, der Schottischen, obwohl er erst später im Leben für einen Segeltörn dort gewesen sei. «Es waren Träume für mich, die in dieser Musik angeklungen sind», was da an Assoziationen mitschwinge, das wolle man in der Natur erleben.

Kernig, tragend und beweglich

Voller Vorfreude bereitet er sich auf diese anstehenden Projekte vor, seine Oboe hat er mit in die Bündner Berge genommen, wo er mit seiner Familie gerade ein paar Tage verbringt: Schneewandern, schlitteln, skifahren...und üben. Zudem muss er Mundstücke herstellen, die Schilfröhrchen so bearbeiten, dass sie ihren Zweck erfüllen, wie Stimmbänder müssen die beiden Blättchen schwingen. Vielleicht sei ihm sein Instrument deshalb so lieb, weil es ihn an die menschliche Stimme erinnere, die ihn fasziniere. Was wiederum damit zusammenhängen könnte, dass seine Mutter Sängerin sei. «Der Klang der Oboe hat meine Seele seit jeher zum Schwingen gebracht. Schon als ganz kleines Kind. Es ist dieser kernige, gut tragende und bewegliche Ton, der mir so gefällt.»

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Kaspar, der jüngere von zwei Brüdern, wuchs in Brienz auf. Zwar in einem musikalischen Haushalt, nicht nur sang seine Mutter, sein Vater war der Leiter der dortigen Geigenbauschule. Aber die Brüder hatten vor allem eins im Kopf: Das Segeln. Vergiftet seien sie gewesen, kein Wunder, schliesslich gehörten sie dem Kader der Nationalmannschaft an und wurden zweimal Schweizermeister. Trotzdem, Kaspar trug immer den Klang der Oboe mit sich, die er so gerne zu spielen erlernt hätte, aber es gab niemanden in der Nachbarschaft, der ihn hätte unterrichten können. Und so erlernte er mit sechs Jahren bei seiner Mutter erst einmal das Klavierspiel, «mehr schlecht als recht», wie er sagt.

Als die Brüder sich die Frage stellten, ob sie auch im internationalen Umfeld das Profisegeln vorantreiben sollten, entschieden sie sich dann doch für ihre Ausbildungen. Der Bruder ist heute ein international renommierter Botaniker, Kaspar besuchte in Bern das Lehrerseminar und erfüllte sich dann seinen grossen Wunsch, Oboe zu studieren. Nach Abschluss des Studiums erlangte er in Zürich bei seinem Onkel die Konzertreife. Obschon er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als in einem guten Orchester zu musizieren, hat er sich doch entschieden auch noch das Studium zum Gymnasialmusiklehrer zu absolvieren. Kurz vor dem Abschluss erhielt er ein interessantes Job-Angebot, das ihm Sicherheit und Vertrauen gab, guten Mutes am Probespiel des Tonhalle-Orchesters Zürich teilzunehmen – mit Erfolg. Das war 1997.

Wellen, Wind und Ruhe

Mit seiner Frau, einer «dynamischen, hübschen, wunderbaren Cembalistin», wie er sie beschreibt, gründete er seine Familie: Vor 21 Jahren kam sein Sohn Constantin zur Welt, knapp fünf Jahre später seine Tochter Charlotte. Der Sohn studiert Gesang, die Tochter spielt Bratsche, ist aber noch am Gymnasium. Das Paar gibt den Kindern die Werte weiter, die es selbst im Elternhaus erlebt hatte: Dazu gehört ein christlich geprägtes Weltbild, regelmässige Besuche in der Kirche, vor allem aber der Wunsch, das Wohl der Mitmenschen hochzuhalten, wie Kaspar sagt. Und natürlich wird viel musiziert bei Zimmermanns.

Manchmal braucht Kaspar Stille. Im Sommer in den Orchesterferien reist die Familie meistens zu seinen Schwiegereltern nach Südfrankreich, nach Argelès-sur-Mer an der spanischen Grenze. Kaspars Vater hat nach seiner Pensionierung eine zwölf Meter lange, acht Tonnen schwere Meerjacht gebaut, die dort im Hafen liegt, die Familie segelt damit wochenlang durchs Mittelmeer, manchmal auch mit Freunden. Kaspar geniesst die Ruhe, den Klang der Wellen, wie sie ans Boot schlagen, den Wind, wie er durch die Wanten pfeift. «Wenn ich danach zurück am Instrument bin, dann ist meine Seele wieder bereit für die Auseinandersetzung mit der Kunstmusik, dann tauche ich wieder tief ein. Das ist eine schöne Wechselwirkung und ein grosses Glück, meinen Beruf so erfüllt leben zu dürfen.»

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 17.02.2021