Felix Keller (Foto: Rolf Canal)
Interview zu Filmsinfonik

Geigen gegen die Gletscherschmelze

Felix Keller ist Wissenschaftler und im Oberengadin in der Nähe des Piz Palü aufgewachsen. Der Berg spielt aber auch über seine Arbeit hinaus eine wichtige Rolle.

Interview: Katharine Jackson

Der Piz Palü ist Teil der Berninagruppe. Mit welchen Erwartungen besteigen Menschen diesen Berg?

Wenn man sich am Morgen auf den Weg macht und die drei Zacken und den Berggrat sieht, meint man, es nie bis zum Gipfel zu schaffen. Der Piz Palü ist aber kein allzu schwer zu besteigender Berg. Mit dem entsprechenden Training und mithilfe eines Bergführers schafft man es auch als Nicht-Profi gut auf den knapp Viertausender. Ich kenne einige Leute, die es sich als persönliches Lebensziel setzen, einmal auf dem Piz Palü zu sein, und das gelingt ihnen auch noch mit 70 Jahren. Auf dem Gipfel zu stehen, ist schon der Höhepunkt einer Naturbegegnung, und der Blick hinunter nach St. Moritz, Pontresina und Italien ist unglaublich schön.

Sie sind Glaziologe und in der Permafrost-, Schnee- und Gletscherforschung tätig. Neben weiteren Aufgaben an der ETH Zürich leiten sie zahlreiche Exkursionen rund um den Piz Palü. Sind Sie auch Bergführer?

Nein, auf dem Gipfel war ich selbst erst ein einziges Mal. Ich bin ausgebildeter Berufswanderleiter und führe in dieser Funktion populärwissenschaftliche Erlebnisexkursionen durch, übrigens auch mit der Geige.

Ein sehr engagierter Hobbymusiker sind Sie auch, und hier spielt der Piz Palü eine wichtige Rolle. Bitte erzählen Sie.

Ich gebe Konzerte im Freien mit den Swiss Ice Fiddlers, einem Ensemble, das variabel besetzt wird. Und mit TangoGlaciar: Das besteht aus mir und einem niederländischen Glaziologen aus dem MortAlive-Gletscher-Projekt, bei dem wir Methoden für das verzögerte Abschmelzen der Gletscher untersuchen. Ich nehme regelmässig mit meiner Frau an der International Fiddle School von Harald Haugaard in Norddeutschland teil. Als wir vor ein paar Jahren nordische Volksmusik auf einem Deich in Husum spielten, kam in mir sofort das Bild auf, ein Konzert am Fusse des Piz Palü durchzuführen. Ich erzählte den anderen im Kurs von unseren schmelzenden Gletschern. Daraufhin erklärten sich spontan 53 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fiddle School bereit, am 13. Oktober 2018 an der Stelle, an der im Film «Die weisse Hölle vom Piz Palü» der Föhnsturm wirbelt, das erste Gletscherkonzert durchzuführen. Wir alle spürten dabei, wie gross die Kraft der Musik ist, um Menschen für die bedrohte Gletscherwelt zu mobilisieren. Das war für mich der Startpunkt für meine Konzerte in den Bergen. Neuerdings ist übrigens auch Ursula Sarnthein, die Bratschistin des Tonhalle-Orchesters Zürich, mit uns unterwegs. Ich gehe sehr gerne zu ihr in den Geigenunterricht, denn sie ist für mich ein grosses Vorbild.

Der Film «Die weisse Hölle vom Piz Palü», den wir in unserer Reihe Filmsinfonik aufführen, kam 1929 in die Kinos. Darin turteln Maria und Hans im Strohbett in der einfachen Steinhütte auf der Diavolezza. Heute ist das Berghaus Diavolezza ein Ort, der bei den Gästen keine Wünsche offenlässt. Ein Beispiel dafür, wie sich der Tourismus in dieser Region in den letzten Jahren verändert hat. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich habe selbst vor 35 Jahren auf der Tuoi-Hütte des Alpenclubs am Fusse des Piz Buin gearbeitet und weiss, was es heisst, abseits der Zivilisation zu sein. Wir denken doch oft, dass früher alles nicht so hektisch und einfach gemütlicher war. Ich meine, dass das ein Irrtum ist. Ich glaube, das Problem ist, dass wir uns immer wieder zu viel vornehmen. Ich gehöre auf alle Fälle zu diesen Menschen und habe das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft. Wir müssen noch immer das Gleiche lernen: Etwas bescheidener werden, beschaulicher leben, uns vielleicht auch nur mit der Hälfte zufriedengeben und dann erkennen, dass es so eigentlich auch gut geht.

Sie sind fernöstlich angehaucht?

Ja, vielleicht. Oder es ist eine Erfahrung, die man in den Bergen macht. Wenn man auf einem Berg steht, weit weg von der Zivilisation, beginnt man über grössere Zusammenhänge nachzudenken. Was auch immer das heissen mag.

Können Sie sich an die erste Begegnung mit dem Film erinnern?

Ich erinnere mich noch gut an die Szenen mit dem Flugzeug, das über den Gletscher fliegt, an das Pärchen in der Diavolezza-Hütte, die ich bestens kenne. Die Unfallund Rettungsszenen sind eindrücklich.

Letzten Sommer hat der SRF-DOK-Film «Todesfalle Haute Route» beim Bergfilmfestival von Les Diablerets eine Auszeichnung für herausragende Filme über Alpinismus erhalten. Weshalb haben Bergfilme immer noch eine grosse Anziehungskraft?

Wenn ich zum Thema Gletscherschwund befragt werde, dann antworte ich oft, dass ich das Gefühl habe, dass Gletscher ein Teil der Schweizer Nationalseele sind. Sie gehören zu uns wie die Berge. Mit den Bergen assoziieren wir viele Emotionen, die sie durch ihre Schönheit oder ihren Schrecken auslösen – und das Adrenalin, das sie in uns hochsteigen lassen. Aus diesem Spannungsfeld entsteht ein Dreieck. Wenn ich Bergfilme anschaue, dann stelle ich fest, dass diese drei Aspekte fast immer vorkommen und ich achte darauf, wie sie zueinander stehen.

«Die weisse Hölle vom Piz Palü» in der Grossen Tonhalle (Foto: Gaëtan Bally)

«Die weisse Hölle vom Piz Palü»

Der Stummfilm «Die weisse Hölle vom Piz Palü» war 1929/30 ein grosser Kinoerfolg. Die Handlung spielt in der damaligen Gegenwart auf dem titelgebenden Berg der Berninagruppe. Maria (die junge Leni Riefenstahl) und Hans (Ernst Petersen) haben kürzlich geheiratet. Voll Vorfreude ziehen sie sich in die Berghütte auf der Diavolezza zurück. Die Zweisamkeit wird jedoch bald gestört, denn auch einen gewissen Dr. Johannes Krafft (Gustav Diessl) zieht es in die enigmatische Bergwelt. Er versuchte in der Vergangenheit mehrmals, den Piz Palü alleine zu besteigen, um den Tod seiner verunglückten Frau, die ebenfalls Maria hiess, zu verarbeiten. Hans’ Maria fühlt sich zum schweigsamen Neuankömmling hingezogen. Zusammen mit Johannes begibt sich das Paar am nächsten Tag auf den Weg zur Nordwand des Piz Palü. Eine Gruppe bergunerfahrener Studenten ist ebenfalls unterwegs, und es beginnt ein Kräftemessen, das tragisch endet.

Die eigentliche Hauptrolle im Bergdrama «Die weisse Hölle vom Piz Palü» spielt die Landschaft, die auch in Schwarz-Weiss spektakulär wirkt. Fünf Monate dauerten die Dreharbeiten im eiskalten Berninamassiv. Georg Wilhelm Pabst übernahm die Innendrehs und beriet dramaturgisch Arnold Fanck, der als zweiter Regisseur die Dreharbeiten in den Bergen leitete. Die Freiluftaufnahmen bei natürlichem Licht und gefährlichen Gelände- und Wetterbedingungen mit schweren und sperrigen Kameraausrüstungen waren äusserst riskant. Riefenstahl berichtete, wie sehr sie die Drehumstände und «die Brutalität meines Regisseurs» erschöpften.

«Die weisse Hölle vom Piz Palü» begründete das erfolgreiche Genre Bergfilm. Er ist nicht unumstritten: Leni Riefenstahl und Kunstflieger Ernst Udet machten in den Folgejahren in Hitlers Naziregime gross Karriere. Der Film wurde 1935 rückwirkend nazifiziert: Für eine gekürzte deutsche Tonfassung liess man die Szenen mit dem bekannten jüdischen Schauspieler Kurt Gerron entfernen. Quentin Tarantino zitierte «Die weisse Hölle vom Piz Palü» in seinem Film «Inglourious Basterds» (2009) denn auch in einer Szene in einem Pariser Kino während der nationalsozialistischen Besetzung. Der «Tages-Anzeiger» bewertete diese Reminiszenz folgendermassen: «Tarantino führt ‹Die weisse Hölle vom Piz Palü› vor als Nazi-konformen deutschen Kulturexport und filmtechnisches Meisterwerk zugleich.»

Wir zeigen den Stummfilm nun in der ursprünglichen Fassung mit der Filmmusik von Ashley Irwin (1997/98). (KJ)

März 2024
Fr 01. Mrz
19.30 Uhr

Filmsinfonik: Die weisse Hölle vom Piz Palü

Tonhalle-Orchester Zürich, Frank Strobel Leitung Irwin
Februar
Do 29. Feb
19.30 Uhr

Filmsinfonik: Die weisse Hölle vom Piz Palü

Tonhalle-Orchester Zürich, Frank Strobel Leitung Irwin
veröffentlicht: 12.02.2024