Leicht im Herzen

Mattia Zappa ist Cellist im Tonhalle-Orchester Zürich. Der Tessiner ist trotz Pandemie produktiv und guten Mutes. Und doch vermisst er das Musizieren vor Publikum und das Gefühl der Aufregung, wie früher vor der Schulreise: Es überkommt ihn, wann immer eine Tournée ansteht. Und er vermisst die weite Welt, die seine Karriere eröffnete.

Soll draussen die Welt verrückt sein, Mattia Zappa strahlt. Er hat sich dazu entschieden, optimistisch zu bleiben. Chancen zu suchen und Freude zu verbreiten, so lange es ihm gelingt – gerade in diesen zehrenden Zeiten. «Gegen das Virus habe ich eine mächtige Waffe im Wohnzimmer stehen», sagt er, sein geliebtes Cello. Giovanni Baptista Gabbrielli, Florenz 1758.

Mattia wohnt seit drei Jahren mitten im historischen Zürich, am Weinplatz gegenüber dem Rathaus, über ihm eine liebenswerte Dame, die kein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich verpasse, wie er erzählt. Früher war hier eine Musikschule. Mattia fühle sich wohl, er liebe die Stimmung in seinem Daheim, atme Geschichte und Geschichten der Stadt; kein Wunder, arbeite etwa ein Team der ETH Zürich am Denkmal im Baudenkmal: Eine Granitsäule, die durch seine Wohnung hindurchragt.

Canzoni und das gute Leben

Ohnehin, sagt Mattia, sei er in gewissen Dingen etwas nostalgisch. Netflix hat er abbestellt, greift lieber wieder vermehrt zu Büchern. Nostalgisch sei er auch, wenn es ums Musikhören gehe. Während andere Leute Streamingdienste bevorzugen, mag er es, eine CD aus der Hülle zu holen und in die nagelneue Stereoanlage zu schieben, ein Lieblingsritual einzuläuten damit: Er setzt sich hin und hört aktiv zu, allerhand Sparten verschiedenster Formationen. Ein Herz hat Mattia für italienische Liedermacher, Claudio Bagonli und seine poetischen Texte, Lucio Dalla, natürlich für die Musik seines Vaters Marco Zappa, dem erfolgreichen Tessiner Cantautore, der heute in Bellinzona lebt.

Mattias Mutter wohnt noch immer in Minusio, im grossen Haus am Lago Maggiore, dessen herrliche Promenade der Garten seiner Kindheit war. Seiner und der seiner drei Jahre jüngeren Schwester, sie ist Geigerin im Zürcher Kammerorchester, die Geschwister arbeiten regelmässig zusammen. Hier im Elternhaus gingen immer Musikerinnen und Musiker ein und aus, auch ein Cellist des Orchestra della Svizzera italiana, der den damals siebenjährigen Mattia zu unterrichten begann. «Mamma mia», sagt Mattia, «das ist schon 40 Jahre her.» Seine Mutter war Lehrerin und begleitete den Sohn zum Musikunterricht, machte sich Notizen, übersetzte die Worte, die in der Stunde fielen, daheim beim Üben in ihre Sprache. «Ein Geschenk», sagt Mattia. Noch heute verbringt er viel Zeit mit seiner Familie, er freut sich über die schnellere Verbindung, die ihn in weniger als zwei Stunden an die Sonne fährt. Zurück bringt er ein paar gute Sachen aus den kleinen Geschäften, er kocht gerne und schätzt wertige, lokale Produkte, die ihm auf den Zürcher Märkten aber etwas überteuert vorkommen.

Bis vor wenigen Jahren pendelte Mattia noch täglich von seiner Arbeit beim Tonhalle-Orchester Zürich nach Gisikon-Root bei Luzern, wo seine drei Buben mit ihrer Mutter, sie ist Professorin für Violine an der Hochschule Luzern, zuhause sind: Man hat dem Musikerpaar die dortige Kaplanei zugesprochen. «Auch das war ein grosses Glück», sagt Mattia, «es gibt genügend Platz für uns alle, und wir können musizieren, wann immer wir wollen.» Für fünf Jahre hatte Mattia ebenfalls eine Professur inne in Lugano, diese hat er zugunsten seines Orchesters und der Kammermusik aufgegeben. Auch, um genügend Zeit für die Familie zu haben. Mattia fährt wöchentlich für zwei Tage hin, sein Generalabonemment der SBB sei bestens investiert. Oder Giulio und Emanuele, seine siebenjährigen Zwillinge und sein neunjähriger Nicolai besuchen ihn in Zürich.

Was jedes Kind fühlt

Während Mattia sein ganzes Berufsleben lang ununterbrochen unterwegs war, hat er es sich mit der Wohnung in Zürich inzwischen etwas pragmatischer eingerichtet im Leben. Auch die Konzertreisen sind im vergangenen Jahr alle weggefallen. Dies will nicht heissen, dass er tatenlos gewesen wäre, im Gegenteil: Mattia hat Werke wiederentdeckt, etwa mit Bach hat er sich intensiv auseinandergesetzt. Und er hat neues Repertoire einstudiert. Gerade sind zudem mehrere Produktionen auf den Markt gekommen. Unter Anderem kammermusikalische Werke von Brahms, dessen Klavier- und Cellosonaten er mit seinem Freund und Duopartner Massimiliano Mainolfi aufgezeichnet hat. Manchmal ist es auch diese eigene Musik, die er sich zuhause anhört, um sich ein Bild der Arbeit zu machen.

Wie von der Tschaikowsky-CD seines Orchesters mit Paavo Järvi – im vergangenen Herbst konnte er einen besonders grossen Blumenstrauss in eine Vase stellen, während er sich das neue Album anhörte, er hat ihn zum 20-jährigen Jubiläum beim Tonhalle-Orchester Zürich geschenkt bekommen. So sehr er die Freiheit in der Kammermusik schätzt, so sehr erfüllt es ihn auch mit Stolz, sein eigenes Orchester zu hören: «Den kollektiven, satten Sound», wie er sagt. Die Homogenität der Streicher. «Bei Tschaikowskys Fünfter höre ich diese unbändige Energie unter Paavos Batton», selbst in der Aufnahme, auch wenn er die Livekonzerte und das Publikum vermisst. «Jedes Kind fühlt es, wenn alle Stühle auf der Bühne bepackt sind mit grosser Freude, wenn wir alle voll von dieser Energie sind. Und auch wir fühlen es. Wir fühlen den einhüllenden Klang, er macht uns leicht im Herzen.»

Zwei Passagiere unterwegs zum Plan A

Viel vom Charakter seines eigenen Klangs und viel Stilistik hat Mattia als Souvenir aus Manhattan mitgebracht. Hierher führte ihn sein Weg als junger Musiker: Er war gerade zwanzig, in der Tasche sein Bachelordiplom des Konservatoriums in Lugano, als er sich fragte, wohin die Reise gehen soll. An der Juilliard School in New York lehrte der damals schon 87-jährige Harwy Schapiro, «einer der ganz grossen, alten Meister», sagt Mattia noch heute voller Respekt. Er war Cellist bei Arturo Toscanini in den 40er-Jahren, hat mit Künstlern wie Pau Casals, Emanuel Feuermann, Yehudi Menuhin oder Isaac Stern musiziert. «Er hat mir eine Welt gezeigt aus einer anderen Zeit. Diese Welt trage ich nun bei mir.»

Mattia erinnert sich an seine grosse Chance: Er sass im Flugzeug, neben ihm das Cello. Die Nerven lagen blank, bald würde er für fünf Minuten wenige Stücke anspielen, die über seine Zukunft entscheiden würden. Ein paar Takte Haydn D-dur Konzert, ein paar von der dritten Beethoven-Sonate, ein bisschen Piatti Caprice, ein modernes Stück von Bloch. «Für mich ging es um alles.» Heute habe er mehr innere Ruhe gefunden und wisse, es gebe im Leben immer einen Plan B.

Aber damals? Sammelte er Scholarships stapelweise, um seine Eltern nicht in den Ruin zu treiben. Er war überglücklich, dass er mit zwei Duzend jungen Menschen aus aller Welt in Schapiros Nimbus lernen durfte. Mitten in dieser Runde, in der jeder und jede nur ein paar Minuten spielte vor Augen und Ohren der Anderen, stets eingehüllt in den Zigarrennebel des Meisters, trotz Rauchverbot. Und dann zerpflückt und demütig nach Hause geschickt wurde zum Arbeiten am eigenen Spiel.

New York, das war nicht nur die Juilliard im Lincoln Center und der Schlafplatz hoch oben im Gebäude, es war der Broadway, es waren Freikarten für die Metropolitan, für die Kinos, fürs Leben überhaupt.

Der Hunger ist geblieben

Diese Erinnerungen brachte er mit in die Schweiz, dazu Freundschaften, die er bis heute pflegt. Zum Beispiel jene zu seinem Duopartner, dem Pianisten Massimiliano Mainolfi. Und eben, seinen Klang, geprägt bis heute von Schapiros Schule, die in Anlehnung an eine uralte jüdische Tradition eine Verbindung zwischen Bogenstrich und Vibrato lehrte, die diese Wärme hervorruft, die Mattia liegt und die er liebt. Schapiro riet seinem Schüler nach einem Jahr, nun nach Basel an die Musikakademie zu Thoms Demenga zu gehen, um seinen Master abzuschliessen. «Das ruhigere Gemüt meines neuen Lehrers tat mir gut, um all das Gelernte einzuordnen», sagt Mattia. Er musste reifen, seine Energie mental und auch in den Bewegungsabläufen beim Musizieren nicht zu verschleudern. Er sammelte Erfahrung in der Kammermusik, und er sammelte Wettbewerbspreise.

Im Tonhalle-Orchester Zürich klappte es zwar nicht auf Anhieb, aber schon mit 27 Jahren fand er seinen festen Platz im Orchester. «Alle waren sie für mich grosse Professoren, wieder begann ich als der Kleine aus dem Tessin.» Aber ein Orchester sei ein lebender Organismus, stets im Wandel begriffen. Heute, zwanzig Jahre später, fühlt sich Mattia zwar inmitten von Freunden und musikalisch überaus wohl, aber längst ist er nicht satt, gerade mal einen Bruchteil des Repertoires habe er sich vielleicht erspielt.

Er kann es nicht erwarten, wieder vor Publikum aufzutreten, auf Tournée zu gehen. «Ein enorm wichtiger Bestandteil der Arbeit. Man zeigt und misst sich in den grossen Sälen der Welt, man lernt gewaltig viel unterwegs.» Und man wachse zusammen im Reisebus, am Frühstückstisch: «Es ist dieses Gefühl von Schulreise, man jubelt vor lauter Elan und Freude.» Und, das Wichtigste, im Grunde, man habe die Chance, mit seinem Tun etwas Freude bei den Menschen zu hinterlassen.

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 03.02.2021