Igor Levit (Foto: Peter Meisel)
Igor Levit

«Ich kann es, weil ich es will»

Kein Pianist polarisiert mehr als Igor Levit. Nun kommt er in die Tonhalle Zürich – zum ersten Mal seit vier Jahren.

Manchmal löst der Zufall Probleme. Vor einigen Tagen stürmte mein kleiner Sohn nach der Kita in das Wohnzimmer und verkündete stolz: «Ich esse jetzt Rosenkohl!» Ich musste sehr lachen, weil ich mich gefragt habe, ob «Rosenkohl» in einem Portrait über einen wichtigen Künstler wie Igor Levit vorkommen darf. Er hätte an der Szene seine grösste Freude gehabt. Denn so banal es scheinen mag: Rosenkohl ist ein grosses Thema für Igor Levit; er hat dem Gemüse zahlreiche Posts auf Twitter gewidmet.

Weltpolitik und Rosenkohl

Was haben Rosenkohl und Igor Levit gemeinsam? Sie polarisieren – und zwar einfach durch das, was sie sind. Igor Levit ist zuallererst Pianist. Wobei dieses «zuallererst» schon infrage gestellt werden kann. Auf seiner Homepage definiert er sich in dieser Reihenfolge: «Citizen. European. Pianist.» – Bürger. Europäer. Pianist. Tatsächlich ist Igor Levit seit einigen Jahren nicht mehr nur dem Klassikpublikum bekannt. Das liegt an seinem politischen Engagement: Er zeigt Haltung und macht den Mund auf. Weil er dabei unumwunden, direkt und authentisch wirkt, ist er auch ein gern gesehener Gast in Talk-Shows, seien es traditionelle politische Runden oder Satire-Formate, die selbst gestandenen Politiker*innen Angst einflössen.

Vielleicht kommt man dem Charakter von Igor Levit aber doch über seinen mittlerweile stillgelegten Twitter-Kanal besonders nahe. Denn hier fand man die Gemengelage, die ihn auszeichnet: Zum Beispiel gedachte er des amerikanischen Komponisten und Pianisten Frederic Rzewski, der im Juni 2021 verstarb und dessen Musik Igor Levit schon früh in seiner Karriere auf seine Programme gesetzt hat – auch bei seinem ersten Auftritt in der Zürcher Tonhalle am 5. Mai 2014.

Neben diesen vielleicht erwartbaren, aber trotzdem aufschlussreichen Posts zu grossen Musiker*innen oder eigenen Konzerten veröffentlichte er in hoher Dichte politische Kommentare: zu Artikeln über Auschwitz-Überlebende, die EU-Politik mit China oder Russland sowie zu Kriegsopfern in Syrien – ausserdem Impf-Appelle. Und zwischen all diesem Tiefgang tauchte plötzlich ein lustiges Panda-Video auf – und natürlich Bilder von Rosenkohl-Variationen (vielleicht findet sich auf diesem Weg jemand für eine Widmungskomposition?), mit satirisch-bedeutungsschwangeren Bildtiteln wie «re-li-gion».

So funktioniert Twitter und macht es so erfolgreich – und vielleicht tickt auch Igor Levit so: direkt, wild, schnell, abwechslungsreich, jeden Tag am Puls der aktuellen Geschehnisse und Debatten. Aber er nahm weder sich selbst noch diese Twitter-Welt zu wichtig: «Haha … Freunde … man kann nicht mal über tote Musiker twittern, ohne dass Hauptberufstwitterer einem die DMs mit Belehrungen fluten oder gleich die Welt erklären wollen. Zieht Euch was warmes an, geht raus, trinkt ein Bier, trefft Menschen. (Testet Euch nur vorher) Peace.»

Tweets von Igor Levit (Quelle: Twitter)

Klaviersonaten und Kunstfreiheit

Es schwingt eine Freiheit mit in diesen Zeilen von Igor Levit. Er scheint frei zu sein – in seinem Tun, in seinen Äusserungen, frei von Angst. Frei auch in seinen Entscheidungen: Sobald es ihm zuviel wurde auf Twitter, hat er den Account gelöscht.

Denn als öffentliche Person, als Künstler steht man ständig auf dem Prüfstein. Wer sich wie Igor Levit quasi schwerpunktmässig zu polarisierenden Themen äussert, gerät darüber hinaus schnell in das Kreuzfeuer der Kritik. Auf einmal geht es nicht mehr um die Sache und schon gar nicht mehr um Musik oder um Feinheiten der Interpretation, sondern um Macht, um politische und gesellschaftliche Lager – und es wird persönlich. Die Morddrohungen gegen Igor Levit im November 2019 waren mit Sicherheit ein Tiefpunkt. Wie es dazu kam und vor allem, wie er damit umgegangen ist, kann man in seinem neuen Buch nachlesen: «Hauskonzert».

Der Titel verweist auf die Konzertserie, bei der er in den Monaten des ersten grossen Lockdowns für Hunderttausende Menschen von zu Hause aus Klavierrezitals gab – auf Twitter. Das Buch kommt mit seiner kleinteiligen Struktur und seiner reduzierten Sprache ebenfalls als Sammlung von Kurznachrichten daher. Zwar kann man sich so keinen schnellen Überblick verschaffen, aber mit der Taktart des Buchs lässt uns Igor Levit nah an sich herankommen. Wir können ihn sprechen hören, auch über Musik: «Wissen Sie, Klavierabende sind anstrengend. Viel anstrengender als Solo-Abende. Solo-Abende liebe ich sehr, dann habe ich zwei Stunden auf der Bühne, und diese zwei Stunden gehören mir. Kann sein, dass ich es verbocke. Aber es ist meins. Bei einem Klavierkonzert habe ich vielleicht vierzig Minuten, vielleicht auch nur zwanzig. Ich sitze da und kann nichts machen, ich hänge völlig an der Energie des Orchesters.»

Beethoven spielen, Nazis kloppen

Im Juni ist er in der Tonhalle mit beiden Formaten zu erleben: Er spielt Gershwins Concerto in F – erstmals auch in Zürich zusammen mit Paavo Järvi. Und Igor Levit bringt ein Rezital-Programm mit, das seine ganze pianistische Klasse bündelt: Beethoven, Schumann, Bach und Busoni. Gerade für Busoni schwärmt er seit vielen Jahren: «Ferruccio Busonis’ Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst’ von 1906. Meine Bibel. Weil Busoni darin auf unglaubliche Weise für die freie Musik eintritt. [...] Ich würde tatsächlich jedem Hörer meiner Konzerte sagen: ‹Bitte, lest dieses Buch. Ist ganz kurz, achtzig Seiten.›»

Ganz so kurz ist das Buch von Igor Levit nicht, aber lesenswert, allein schon wegen solcher Geständnisse: «Ja, ich kann alle 32 Beethoven-Sonaten spielen. Ja, ich kann parallel noch sechs andere Programme machen. Ja, ich kann mich parallel auch noch mit Nazis kloppen. Ich kann parallel Bücher lesen, ja, ich kann parallel das, das und das machen. Ich kann es, weil ich es will. Es ist mein Leben.»

Dem ist wenig hinzuzufügen. Ausser vielleicht: Ja, Igor Levit ist der, der aus politischen Gründen den ECHO-Preis zurückgegeben hat. Und der, der über Menschenwürde diskutiert. Aber er ist auch der, der mit seinem Klavierspiel die Menschen direkt ins Herz trifft. Und er liebt Rosenkohl, über alles.

Ulrike Thiele

Oktober 2022
Fr 07. Okt
19.30 Uhr

Igor Levit – Klavierrezital

Igor Levit Klavier Beethoven, Schumann, Bach, Busoni, Busoni
Juni 2022
Mi 15. Jun
19.30 Uhr

Paavo Järvi und Igor Levit

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Igor Levit Klavier Bernstein, Gershwin, Hindemith
Do 16. Jun
19.30 Uhr

Paavo Järvi und Igor Levit

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director Bernstein, Gershwin, Hindemith
Sa 18. Jun
19.30 Uhr

Abgesagt: Igor Levit – Klavierrezital

Igor Levit Klavier Beethoven, Schumann, Bach, Busoni
veröffentlicht: 10.06.2022

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