Beseelt entlang dem Lauf der Dinge

Elisabeth Harringer kam über die Oper zum Tonhalle-Orchester Zürich. Begonnen hat sie bei den zweiten Geigen, seit 15 Jahren spielt sie unter den ersten. Wie es dazu kam und warum sie viel vom eigenen Lebensglück einem Pechstag in Roger Federers Leben verdankt.

Elisabeth Harringer-Pignat

Ein freundlicher Vormittag. Freundlich, ja fröhlich ist auch Elisabeth Harringer und dies, obwohl die Nacht an sich eher ihre Zeit wäre: Nachts nämlich nach Konzerten, da bleibt Lisa, so nennen sie alle, gern in der Küche sitzen mit ihrem Mann, um runterzukommen, wie sie sagt. Sie spielt unter den ersten Geigen des Tonhalle-Orchesters Zürich, er ist Cellist beim Opernhaus, «wenn nicht gerade Corona ist.» Ein Glück, dass wenigstens gestreamt werden kann, Lisa vermisst das Publikum schmerzlich. «Man übt so viel, man probt so viel, man investiert sich. Ich hoffe total, dass unsere Botschaft gerade in diesen Zeiten auch per streaming bis in die Wohnzimmer gelangt.»

Lisa ruft aus ihrem Daheim an der Bienenstrasse im Kreis 4 an, dem Wohnhaus der Musiker*innen, das die Stadt Zürich mit einem schallisolierten Übungsraum pro Wohnung zur Verfügung stellt. Es liegt nur vier Fahrradminuten von der Tonhalle Maag entfernt. Ganz zu Beginn ihres Einstiegs beim Orchester, das war 2003, da sah sie einen Aushang am Schwarzen Brett mit dem Angebot ihrer jetzigen Wohnung: «Wir haben gleich zugegriffen», die Möglichkeit, Tag und Nacht üben zu können die ganze Woche über, das sei bis heute ein Riesenglück. Auch liebt sie das lebendige Umfeld, neben ihr und ihrem Mann machen die Leute im Haus vor allem Jazz und elektronische Musik, ihre beiden Jungs, acht und zehn Jahre alt, spielen Geige und Schlagzeug.

Ost-westliche Mélange

Nicht nur die regelmässigen Konzerte vor Publikum vermisst Lisa in ihrem Alltag. Auch das Bikram Yoga fehlt ihr. Abhilfe schafft der tägliche Lauf der Limmat entlang, vorbei am Toni-Areal bis nach Schlieren und zurück, im Ohr neuerdings Klassik, grosse sinfonische Werke, die zu kurz kommen jetzt, Bruckners fünfte Sinfonie gerade ausgiebig. Draussen zu sein in Bewegung, das hilft ihr, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. «Wir sind mit unsren Anstellungen in einer vergleichsweise sehr luxuriösen Situation», sagt sie, und doch nagen die Umstände an ihrer Energie. Vor einem Jahr, da ist ihr das alles einfacher gefallen, da hat sich die Familie im neu sanierten Chalet im Wallis ob Sion zurückgezogen und musiziert, den Bergfrühling eingeatmet weit weg von der Ahnung, wie lange alles dauern würde.

Aus dem Wallis kommt Lisas Mann: Die Kinder wachsen deutsch-französisch auf, genauer «in einer Mélange aus Oberösterreichisch und dem Französisch der Welschen», wie Lisa präzisiert.

Sie selbst ist nämlich in einem ganz kleinen Dorf zwischen Linz und der Tschechischen Grenze aufgewachsen. Einen Laden gab es da, ein Gasthaus und eine Schule. Dort, in der Schule ist sie mit ihren beiden jüngeren Geschwistern aufgewachsen. Im Parterre die Familienwohnung, auf der ersten Etage vier Unterrichtszimmer, das Reich ihrer Mutter, die hier die einzige Lehrerin war und das Direktionsbüro, wo ihr Vater waltete.

Lisa, heute 46, denkt gern daran, wie sie mit ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester und dem sechs Jahre jüngeren Bruder im Dachboden uralte Lehrmittel und andere Schätze durchwühlte. Der ganz grosse Vorteil der Lehrerskinder aber bestand darin, jederzeit Zutritt zum Turnsaal zu haben, illegal zwar, aber die Verführungen waren reichlich: Wer hätte nicht nachts an Recks turnen und Seile hochklettern gewollt?

Denkt Lisa an ihre Kindheit, denkt sie auch an den Ostblock. Mit den Eltern war sie oft wandern, auf dem Moldaublick, einer Aussichtsplattform, da beobachtete sie Schäferhunde und bewaffnete Patrouillen an den Grenzen. Mühlviertel heisst die Gegend, in der sie aufgewachsen ist, idyllisch im oberösterreichischen Böhmerwald gelegen. Granitland zwar und nicht sehr fruchtbar, dafür ganz viel Wald. «I mog des scho gern», In Lisas Stimmt klingt Sehnsucht mit und ihre Heimat in ihrem Dialekt. Sie geht gern nach Hause, wo ihre gesamte Familie geblieben ist, die Geschwister als Oboistin und als Cellist im Umland. «Wenn nicht gerade Corona ist.» Lisa seufzt.

Der Weg in ein «g'scheites Orchester»

Die musikalische Ader der Kinder komme vom Vater, er habe sehr gut Kontrabass gespielt, klar, dass er Musikkapellleiter und Chorleiter im Dorf war. Bei ihm hat sie sich all die Schallplatten ausgeliehen, Orchesterwerke und besonders gern alles mit Gidon Kremer und Nikolaus Harnoncourt. Aber eigentlich war es ihre Mutter, die wollte, dass alle Kinder ein Instrument lernen. Alle drei sind ans Musikgymnasium von der Diözese Linz gegangen, das dauerte fünf statt der üblichen vier Jahre, dafür standen wöchentlich auch fünf Stunden Instrumentalmusik und zwei Stunden Chor auf dem Programm, zudem nachmittags Zeit zum Üben. Man musste am Konservatorium angemeldet sein und «schon ordentlich was können», wie sie erzählt. Dank ihren Eltern hat sie zwischen 12 und 15 nicht aufgehört, war es doch für sie eher eigenartig, als einzige mit der Geige durchs Dorf zu ziehen, wo alle irgendwas zur Blaskappelle beigetragen haben.

Am Musikgymnasium waren sie dann alle ein eingeschworenes Pack, wie Lisa erzählt, und nicht ohne Konkurrenzdenken, das habe gefruchtet. Zudem war da im ersten Jahrgang der Schule der spätere Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich, Franz Welser-Möst. «Der war unser aller Held.» Welser-Möst habe den Schulchor regelmässig eingeladen, wo immer er gerade dirigierte. So kam es, dass Lisa mit 16 beschloss, Orchestergeigerin zu werden in einem «g'scheiten Orchester»: Sie sang die Matthäuspassion mit dem London Philharmonic Orchestra, blinzelte zu den Geigen und sagte zu sich: «Das muss es sei. Das ist der Traum, so spielen, mittendrin. Ab diesem Moment habe ich Gas gegeben», habe sich ziehen lassen und selbst gezogen, sie sei dem Lauf der Dinge gefolgt.

Schief gebündelte Zeitungen in einer bunten Welt

Am Bruckner Konservatorium in Linz, wo sie seit ihrem sechsten Lebensjahr untererrichtet wurde, weil die Familie einmal wöchentlich in die Stadt fuhr zum Unterricht der Kinder, da schloss Lisa nach der Matura die Ausbildung zur Musiklehrerin ab, bevor sie nach Wien zog, um zu studieren. Bei den Wiener Symphonikern und an der Staatsoper spielte sie als Substitutin, aber Wien war nicht weit genug, nicht genügend Raum zwischen dem Böhmerwald und ihrer eigenen Welt, die sie sich erschaffen wollte. Damals dachte sie an das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam, Holland, das wäre ihr Traum gewesen. Im Stechen gewann ein Anderer die Stelle im dortigen Orchester. Dann kam Zürich. «Noch nie zuvor war ich in der Schweiz, aber Welser-Möst war da und ihn als Chef zu haben ein ebensoguter Traum.» Es klappte!

Mit 25 kam Lisa also nach Zürich, blieb drei Jahre im Opernhaus als zweite Tuttigeigerin. Gewechselt ins Tonhalle-Orchester Zürich habe sie, weil die sinfonischen Werke für Orchester mehr zu tun geben würden als dieselbe Funktion im Orchestergraben. Im Blick hatte sie schon damals die erste Geige, weil ihr das melodische Üben in den hohen Lagen lieber sei als die Mittelstimmen, das sei eben Typenfrage, ihr falle die technische Herausforderung leichter, wenn sie einen triftigen Grund zum Üben habe.

Vom Wesen her habe sie wohl gut zur Oper gepasst, hat sie die kunterbunte Welt doch «urgerne, dieses bunte Haus mit den Tänzern und die Requisiten, mit den Sängerinnen und dem ganzen Drama.» Damals wusste sie nicht, dass sie sich noch im Orchester-Probejahr in einen künftigen Opercellisten verlieben würden.

Ihr heutiger Mann nämlich war damals Orchesterpraktikant. «Bloss geredet haben wir übers ganze Jahr nie. Und wäre nicht die tonhalleLATE gewesen am Ende seiner Anstellung, hätten wir uns wohl nie kennengelernt». Mehr noch: Wenn Roger Federer nicht innert kürzester Zeit sein Spiel verloren hätte, dann wäre Xavier nicht zu ihr an die Bar gestanden. «Dann wären wir jetzt wahrscheinlich nicht hier», hier im Musikerhaus an der Bienenstrasse, für das sie ihren Singlehaushalt in Wollishofen aufgegeben hat, wo sie sich ohnehin als Exotin gefühlt hatte: Die Nachbarn legten ihr das Altpapier zurück vor die Haustüre, weil sie es schief gebündelt hatte, «g'schlampt halt, nicht mit der Wasserwaage kontrolliert». Exotisch fühlt sie sich noch heute manchmal wegen ihres Dialekts, so charmant der auch klingt: Sie hätte ihn gerne gegen Schweizerdeutsch eingetauscht anstatt hier die «Ang'schtrandete aus Linz» zu sein, aber es sei hoffnungslos und sie hier ja trotzdem längst zuhause. Zuhause sei sie auch im Orchester, und schon nach drei Jahren ergab sich ein Probespiel für die erste Geige. «Es hat mich viel Mut gekostet, vor die Kollegen zu stehen. Und ich vergesse den Moment nie, in dem sie sich für mich entschieden haben.» Nun hofft auch Lisa, dass bald wieder Normalität einkehrt und arbeitet geduldig an Einspielungen. Bloss fühlt sie mit einem hängenden Mikrofon vor sich mehr den Anspruch nach Perfektion als um Emotion und Risiko, wenn rechts von ihr die Menschen sitzen. «Wir wollen aber auch und gerade jetzt alles geben, besonders beseelt spielen. Wir musizieren ja für die Menschen da draussen.»

Melanie Kollbrunner

published: 02.04.2021